Geschichte der Automatisierung und ihre Auswirkungen auf Arbeit und Beschäftigte

Die Geschichte der Automatisierung startet in der handwerklichen Produktion, setzt sich in den Manufakturen des 18. Jahrhunderts sowie den Industriebetrieben des 19. Jahrhunderts fort und endet in der weitgehend automatisierten Fabrik, vielleicht sogar der gesamten materiellen Produktion und einem Teil der Dienstleistungen.

Der Einsatz von Maschinen, Fließbändern, Computern und Robotern ist immer mit neuen Arbeitsinhalten, Arbeitsstrukturen und der Substitution von Arbeitsplätzen durch Technik verbunden. Gleichzeitig hat die Technisierung des Arbeitsprozesses in der Industrie historisch auch zur Aufwertung von Arbeit beigetragen und neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Das IGZA erforscht die historische Entwicklung der Automatisierung und ihre Wirkungen anhand der Textilindustrie und der Automobilindustrie als den beiden Industrien, die jeweils für lange Phasen eine Leitrolle in der industriellen Entwicklung hatten. Ziel ist es dabei, Stufen der Automatisierung und ihre Konsequenzen für die Arbeit und die Beschäftigten nachzuzeichnen sowie eine Systematik der Automatisierung zu entwickeln.

In der Textilindustrie hatte die erste industrielle Revolution einen zentralen Ausgangspunkt. Hier fand im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts – ausgehend von Großbritannien – eine enorme Dynamisierung der Entwicklung statt. Dieser Prozess wurde auch als einer der „Schlüsselmomente der Globalgeschichte“ bezeichnet. Das Aufkommen von Spinnmaschinen in einem Engpass der textilen Wertschöpfungskette führte zu rasanten Produktionssteigerungen. Dies wiederum förderte den Einsatz von dampfkraftgetriebenen Webmaschinen, um die Garne schneller verarbeiten zu können. In den Textilregionen etablierte sich der Maschinenbau als neuer Gewerbezweig, um den Bedarf an Spinn- und Webmaschinen zu befriedigen. Eisenteile der neuen Maschinen erforderten den Ausbau von Kohle-, Eisen- und Stahlgewinnung. Infolge technischer Neuerungen in der gesamten Wertschöpfungskette kam es zu enormen Produktivitätssteigerungen. Dieser Prozess war zugleich prägend für die Herausbildung von Konflikten über die Entwertung von Kompetenzen und Erfahrungswissen, über die Verdrängung von Menschen durch Maschinen, über Fragen von Arbeit und Herrschaft, Kontrolle sowie über Geschlechterverhältnisse im Betrieb.

Von Interesse sind die quantitativen, ökonomisch-statistischen und sozialen Auswirkungen dieses Maschinisierungsprozesses auf die Beschäftigung insgesamt, die Produktivität, die technischen Neuerungen und die Beschäftigten. Ausgangspunkt ist die Entwicklung im Pionierland Großbritannien, die mit Prozessen in anderen lokalen, regionalen und nationalen Textilzentren verglichen werden kann. Der Automatisierungsprozess setzte sich in der Textilindustrie weltweit bis in die Gegenwart fort, in ständiger Wechselwirkung von Lohndumping und Automatisierungsschritten. Die Analyse dieser langfristigen Entwicklungen kann Strukturanpassungsprobleme sowie Chancen und Risiken von Mechanisierung und Automatisierung in einer stark regional verankerten Textilindustrie deutlich machen.

Die Automobilindustrie hat im 20. Jahrhundert im Hinblick auf Wachstums- und Innovationsdynamik wie auch im Hinblick auf die Prägewirkung ihrer Konzepte bezüglich der Gestaltung und Arbeit und Technik die Leitrolle übernommen. Die IGZA-Forschung greift die Automatisierungsthematik unter dem Aspekt der Gestaltung und Veränderungen von Standardisierung und Fließbandarbeit seit ihrer Einführung als Teil der zweiten industriellen Revolution auf – verbunden mit der Frage nach der Zukunft von Fließbandarbeit im Automatisierungsprozess. Das Fließband wird dabei als eine Form der Durchsetzung des übergreifenden Prinzips der Fließfertigung gesehen, die auch weitreichende Veränderungen in den Konstruktions- und Auslegungsprinzipien von Maschinen und Anlagen mit sich brachte. Untersucht werden unterschiedliche Ansätze der Mechanisierung und Automatisierung bis hin zum Einsatz von computerintegrierten Produktionsmethoden (CIM) und den sich in jüngster Zeit durchsetzenden Ansätzen zur Digitalisierung von Fertigungsprozessen.

Neben der Automatisierungs-Systematik und ihrer historischen Stufenfolge soll dargestellt werden, welche Auswirkungen die unterschiedlichen Ansätze auf die Strukturierung der Arbeit, auf Arbeitsinhalte und Arbeitsbedingungen, auf Arbeits- und industrielle Beziehungen haben. Welche Chancen bieten neue Techniken im Hinblick auf die Gestaltung von Arbeit, welche Risiken sind zugleich damit verbunden? Wie verändern sich die Tätigkeitsstrukturen und die damit verbundenen Qualifikationsanforderungen sowie Belastungen und Beanspruchungen, inwieweit setzt sich der Trend zu einer Polarisierung der Qualifikationsanforderungen weiterhin fort und welche Ansätze qualifikationsfördernder Arbeitsorganisation bieten erfolgreiche Alternativen? Welche Produktivitätswirkungen gehen von neuen Gestaltungsformen von Arbeit und Mensch-Maschinen-Systemen (so beispielsweise der Mensch-Roboter-Kooperation) aus?

Die leitende Frage im Rahmen dieses Projektes ist es, Chancen, Risiken und Zukunftspotentiale der Automatisierung auszuloten sowie eine Systematik der Automatisierung zu entwickeln. Das Projekt steht damit innerhalb des IGZA in enger Verbindung zu den Forschungsvorhaben über die langfristigen Trends (Projekt 2), dem Wandel in der digitalen Arbeitswelt (Projekt 5) sowie der Frage nach der Mensch-Maschine-Interaktion (Projekt 6).

Der Politikwissenschaftler und Industriesoziologe Ulrich Jürgens und der Historiker Jürgen Schmidt betreuen dieses Projekt innerhalb des IGZA. SozialwissenschaftlerInnen sowie Sozial-, Wirtschafts- und TechnikhistorikerInnen, die Beiträge zu diesem Forschungsprojekt leisten möchten, sind zur Mitarbeit willkommen.