Große Trends

Der lange Blick in die Geschichte „erdet“ manch aufgeregte Debatte der Gegenwart und eröffnet Erkenntnispotenzial hinsichtlich einer fundierten Einschätzung von Entwicklungen, basierend auf guter Empirie.

Eine Referenz ist die Arbeit von Angus Maddison, Pionier der quantitativen Ökonomie. An sein Werk und seinen breiten Fundus an Daten zur weltweiten ökonomischen Entwicklung im Verlauf der Jahrhunderte schließt die zweite Projektlinie des IGZA an und konzentriert sich auf die Untersuchung großer, globaler Trends in der Geschichte der Arbeit, insbesondere bei Produktivität und BIP, Bevölkerung, Arbeitszeit und sektoraler Entwicklung.

Beispielhaft für das IGZA-Projekt stehen diese Grafiken, die die sektorale Entwicklung (links) sowie die Entwicklung von Arbeitszeit und Produktivität (rechts) im Lauf der Epochen darstellten.

Produktivität

Die Entwicklung der Produktivität ist ein zentraler roter Faden in der Geschichte der Arbeit, da sie der Schlüssel für Wohlstand und Freiheit der Lebensgestaltung ist bzw. sein kann.

Während der Wildbeuter-Zeit kann von Produktivität eigentlich nicht gesprochen werden; die Menschen entnahmen ihre Lebensmittel im wesentlichen der Natur und waren von der natürlichen Fruchtbarkeit und ihren Veränderungen abhängig. Der gesellschaftliche Umbruch zu Sesshaftigkeit und den Beginn der Agrikultur ging mit einem ersten Anstieg und anschließenden langsamen Wachstum der Produktivität durch Arbeitsteilung und technische Verbesserungen einher. Durch einen weiteren Produktivitätssprung um 4000 und auf Basis einer Surplus-Produktion konnten staatlich-imperiale Wirtschafts- und Herrschaftsformen entstehen. Fortschritte in der Technik, Arbeitsorganisation und Energieeinsatz (Pflug, Pferd, Mühlen, Wasser- und Windkraft, Manufakturen, Schiffahrt …) führten nach 1000 zu weiteren langsamen Produktivitätsanstiegen.

Mit dem Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise explodierte die Produktivität. Das reale BIP pro Kopf ist seit 1500 weltweit im Durchschnitt um das 10-fache gestiegen, in den entwickeltesten Ländern um das 50-fache. War dies ein welthistorisch einmaliger Effekt, ausgelöst durch die Industrielle Revolution, wie es beispielsweise der amerikanische Ökonom Robert J. Gordon sieht? Wird das Produktivitätswachstum künftig wieder auf das vor-kapitalistische Tempo zurückfallen? Oder wird die Digitale Revolution zu weiteren Produktivitätssteigerungen führen?

Arbeitszeit

Die durchschnittliche Arbeitszeit hat sich im Lauf der Epochen stark verändert. Zu Zeiten der ‚Jäger und Sammler‘ hing die Länge ‚Arbeitszeit’ stark von den herrschenden Naturumständen (Tier- und Pflanzenwelt, Klima) ab und betrug, eingebettet in das Alltagsleben der Menschen, unter Umständen nur 4 bis 5 Stunden täglich, wobei nicht an jedem Tag gearbeitet wurde. Mit Sesshaftigkeit und dem Entstehen von Agrargesellschaften, Fronarbeit, Sklaverei und anderen Formen der herrschaftlichen Aneignung von Arbeit stieg die Arbeitszeit. Der Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise bewirkte erst einmal einen weiteren Anstieg der durchschnittlichen Arbeitszeiten, markierte aber gleichzeitig auch den Beginn einer Explosion der Produktivität durch Energie und Maschinen, später durch die Informations- und Kommunikationstechnik. Sie hat sich von 3.000 Stunden pro Jahr zur Zeit des Manchesterkapitalismus auf heute 1.500 Stunden halbiert – bei gleichzeitig gestiegenem Wohlstand. Die weitergehende Automatisierung der Warenproduktion und Logistik und auch von Teilen der Dienstleistungswirtschaft wird weitere Produktivitätssteigerungen und damit Spielräume für Arbeitszeitverkürzungen bei gleichem oder steigenden Wohlstandsniveau eröffnen. Wie lange werden und wollen wir in Zukunft arbeiten? 30 Wochenstunden, 1.000 Stunden Jahres-, 40.000 Stunden Lebens-Arbeitszeit? Welche Rolle spielen unterschiedliche Präferenzen und wie erreichen wir eine gute Balance zwischen Lebens- und Arbeitssphäre?

Sektorale Entwicklung

Der Schwerpunkt der gesellschaftlichen Arbeit hat sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte mehrfach verschoben. Die anfangs dominierende Form war die ‚Wildbeuterei‘, welche mit der Sesshaftigkeit von der Agrikultur abgelöst wurde. Seit Beginn der industriellen Revolution hat sich der Schwerpunkt der Arbeitsteilung erneut verschoben, hin zur industriellen Produktion von Waren. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts fand in allen entwickelten Ländern eine Verschiebung in Richtung Dienstleistungs- und Wissensarbeit statt, die einer Automatisierung in begrenzterem Maße zugänglich sind. Viele dem Dienstleistungssektor zugerechneten Wirtschaftsbereiche weisen einen engen Bezug zur Entwicklung, Herstellung, Distribution und Wartung/Instandhaltung physischer Güter auf. Unterschätzt damit die gängige sektorale Gliederung systematisch die aktuelle Bedeutung der Industrie? Hat sich die Wissensarbeit als eigenständiger vierter Sektor etabliert? Wie steht es um die Automatisierbarkeit und bereits erreichte Automationsquoten nach Sektoren? Was bedeutet Industrie 4.0 für industrienahe Dienstleistungen?

Interessierte ForscherInnen aus den Bereichen der Ökonomie, Statistik, Geschichts- und Sozialwissenschaften, die zu ähnlichen Themen arbeiten, werden zur Mitarbeit eingeladen. Ansprechpartner für das Projekt sind Marc Amlinger, Cornelius Markert und Horst Neumann.