Sozialstaat

– Projekt 4 –

Mit der zunehmenden Digitalisierung und deren möglichen Auswirkungen auf das Arbeitsleben ist heute die Debatte um Transformationswege des Sozialstaates neu entbrannt. Ein Thema ist das bedingungslose Grundeinkommen, wie es beispielsweise in den USA prominente Stimmen des Silicon Valley fordern. Auch hierzulande wird in Gewerkschaften und Politik über einen „Sozialstaat 4.0“ diskutiert, der soziale Sicherheit und individuelle Freiheiten innerhalb einer fortbestehenden Arbeitsgesellschaft neuartig ermöglichen soll.

Im Kern geht es dabei um die Ausrichtung des Sozialstaates hinsichtlich der erwarteten Transformation der Arbeitsgesellschaft vor dem Hintergrund

  • der Automatisierung von Produktions- und Dienstleistungsprozesse und damit verbundener potenzieller Produktivitätsdividenden,
  • einer möglichen Reduzierung des Arbeitszeitvolumens und damit der Möglichkeit einer Verkürzung der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit, sowie
  • einer potentiellen Neujustierung von Flexibilität und Sicherheit für Beschäftigte und Unternehmen im Rahmen neuer Arbeitsverhältnisse jenseits des traditionellen Normalarbeitsverhältnisses.

Damit steht das Thema wieder im Fokus, das Vordenker einer hochgradig automatisierten Produktionssphäre wie der französische Ökonom Jean Fourastié oder der Pate der Grundeinkommensdebatten André Gorz schon vor Jahrzehnten auf die öffentliche Agenda setzten: Sie zielten in ihren Arbeiten auf eine Sozialpolitik, die individuelle Lebenszeitsouveränität auf der Basis hoher Produktivität und eines radikalen Universalismus der Bezugsrechte gewährleisten solle.

Auch in den gegenwärtigen Debatten um den Sozialstaat 4.0 steht die Dimension der Zeit im Mittelpunkt. Zwar wird die Tradition sozialer Redistribution des gesellschaftlichen Wohlstands betont. Dabei geht es aber insbesondere auch um die gerechte Verteilung eines prospektiv sinkenden gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeitvolumens. Ein Sozialstaat 4.0 müsse vor diesen Hintergrund insbesondere die individuelle Souveränität über die eigene Lebenszeit fördern. Hierzu bedürfe es eines neuen Normalarbeitsverhältnisses, das einerseits an das Idealbild der sozialen Sicherheit der „goldenen Jahre“ des demokratischen Wohlfahrtskapitalismus in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten anschließe und andererseits die in variablen Produktionsmodellen notwendige Flexibilisierung von Arbeitszeit ermögliche.

Die zeitpolitische Dimension der aktuellen Sozialstaatsdebatte steht auch in einem Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte und der weiteren Entwicklung des Sozialstaats seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ging und geht im Grundsatz darum, bestimmte Personen oder Personengruppen zeitweilig oder dauerhaft jenseits der Sphäre der Lohnarbeit zu versichern, damit sie in bestimmten Phasen nicht in Armut oder unter den eigenen Lebensstandard fallen. Während für die Anfänge des Sozialstaates ausschließlich Notlagen des Einzelnen die Zeitkomponente auslösten, hat sich die Debatte spätestens seit den 1960er Jahren qualitativ gewandelt und den Faktor Zeit in Gestalt von Zeitsouveränität stärker in den Mittelpunkt gerückt. Das zunehmend selbstbestimmte Management von Lebenszeit ist insofern eine mögliche qualitative Weiterentwicklung des Sozialstaats, die auf der Tradition der abgesicherten (in der Regel unfreiwilligen) „Auszeit“ aufbaut.

Das IGZA nimmt in seinem Forschungsschwerpunkt Geschichte und Zukunft des Sozialstaats diese Debatten in dreierlei Hinsicht auf. Erstens wird nach den empirischen Grundlagen einer Politik der Lebenszeitsouveränität gefragt. Es werden dabei die empirischen und analytischen Impulse der Lebenszeitforschung aufgenommen und vor allem nach systematischen Mismatches von Arbeits- und Lebenszeit sowie nach den spezifischen Konfliktlinien im Lebensverlauf gefragt. Zweitens leistet das IGZA konzeptionelle Arbeit, indem existierende sozialpolitische Instrumente und Institutionen hinsichtlich ihrer möglichen Indienstnahme für eine umfassende Politik der Lebenszeitsouveränität geprüft werden. Dafür ist auch der historische und vergleichende Blick auf die Reichweiten und den Umfang verschiedener Sozialstaatsmodelle notwendig. Drittens wird unter dem Stichwort „Lebenszeitkonten“ an dem Konzept einer innovativen Sozialpolitik gearbeitet, die hinsichtlich der Gestaltung von Lebenszeit soziale Sicherheit und Flexibilität für Beschäftigte und Arbeitgebern gleichermaßen gewährleisten soll. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob innovative sozialpolitische Instrumente wie Lebenszeitkonten, eine Basis für einen neuen sozialen Kompromiss bilden könnten, der Risiko, Sicherheit und Flexibilität miteinander in Einklang bringt.

Das IGZA lädt ForscherInnen mit ähnlichem thematischen Fokus aus den Bereichen der Sozialpolitik, der Ökonomie, Soziologie und verwandter Disziplinen zur Mitarbeit ein. Betreut wird das Projekt vom Soziologen Philipp Staab und Ökonomen Christian Kellermann.